Rando Imperator – Ein Langstrecken-Selbstversuch

660 km über die Alpen. Zum Teil auf Gravel. In einer Etappe. Oder zumindest war es so geplant. Doch dann hörte es nicht mehr auf zu regnen. Welche Strapazen sonst noch auf Christopher warteten und wie der Rando Imperator für ihn ausging, erzählt er hier.

Um Mitternacht stehe ich klatschnass und schlotternd vor Kälte in strömendem Regen auf dem Marktplatz von Bozen und kann nicht mehr – keinen Meter weiter. Seit sechs Stunden regnet es. Mal mehr (Stichwort: Wolkenbruch), mal weniger, aber ununterbrochen. Den ursprünglichen Plan, die 660 km des Rando Imperator von München nach Ferrara an einem Stück zu fahren, habe ich vor Stunden verworfen und mich nur noch an das Hinterrad irgend eines unbekannten Vordermanns geklammert, um noch irgendwie bis Bozen zu kommen. Alle weiteren Gedanken hab ich mir verboten. Erstmal Bozen, wie (und ob) es weitergeht, sehe ich dann.

Start in den Morgennebel

Aber von Anfang an. Der “Rando Imperator” ist ein 660 km langes Brevet, also eine Langstreckenfahrt innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens, von München nach Ferrara, entlang der Via Claudia Augusta. Vier Kontrollstellen muss ich dabei abfahren: In Garmisch, am Reschenpass, in Bozen und in Mantua. Hier gibt es neben einem Kontrollstempel jeweils auch etwas zu essen. Zum ganz überwiegenden Teil verläuft die Strecke auf Radwegen, kleinen Nebenstraßen und Schotterpisten, ist aber durchaus rennradtauglich. Neumodisch würde man heute sicher von einem „Gravel Ride“ sprechen – Reifen mit mindestens 25mm Breite und ein bisschen Grip werden vom Veranstalter empfohlen, „dann passt das schon“.

DSC07145

DSC07187

Und so machen sich am Samstagmorgen dieser Langstreckenfahrt um halb 5 Uhr morgens gut 100 Radler auf den Weg über die Alpen. Bei zapfigen vier Grad geht es auf dem Isarradweg in den Sonnenaufgang und der verspricht erst mal einen grandiosen Tag bei bestem Wetter. Die ersten Schotterkilometer durch den Grünwalder Forst und entlang der Isar bis Wolfratshausen geht die Fahrt noch durch Nebel, dann setzt sich die Sonne durch und sorgt für Alpenkitsch wie auf einer Fototapete. Vor allem entlang der Loisach fällt mein Blick immer wieder auf schönstes Alpenpanorama und so vergeht die Zeit bis zum ersten Kontrollpunkt hinter Garmisch recht schnell. Hier gibt es kurz ein zweites Frühstück: Nutellatoast und guten italienischer Schinken.

DSC07257 DSC07264

Böser, böser Fernpass?

Frisch gestärkt mache ich mich daran, den ersten Anstieg zu bezwingen: Den Fernpass. Auf dem Rennrad versuche ich normalerweise, den Fernpass zu vermeiden wo es nur geht: hier herrscht einfach zu viel Verkehr, als dass es wirklich Spaß macht. Zumindest auf der Straße. Aber da fahre ich heute kaum. Wo es keinen Radweg gibt, führt die Via Claudia Augusta zum ganz großen Teil auf Schotterwegen durch den Wald zum Pass hinauf.

Ich fühle mich auf meinen 28mm Reifen pudelwohl, aber da ich seit einigen Kilometern mit ein paar Fahrern auf 25mm breiten Reifen unterwegs bin, wechseln wir kurz vor dem Pass doch auf die Straße. Außerdem ist so eine asphaltierte, schnelle Abfahrt auch verlockend. Für das kurze Stück ist der Verkehr dann auch gar nicht so schlimm, dafür gibt es noch einen Blick auf die Zugspitze und geht dann mit Highspeed in die Abfahrt… huiiiiiiii.

DSC07300

Hoch hinaus und auf die andere Seite

Dann kommt das Inntal. Die Fahrt hier ist für mich einer der schönsten Abschnitte der Tour – nahezu komplett ohne Verkehr geht es auf perfekt ausgebauten Radwegen in Richtung des zweiten Anstiegs, der Norbertshöhe. Und so klettere ich nach einem kurzen Abstecher in die Schweiz die Serpentinen hinauf nach Nauders. Damit ist es  im Prinzip schon geschafft – ich habe die Alpen bezwungen und bin im Süden auf der anderen Seite.

DSC07393

Keine Sonne im Süden

Im Süden, denkt man, ist es warm und sonnig – leider heute falsch gedacht. In Nauders beginnt es zu regnen und was erst ganz harmlos anfängt, wird ruck-zuck amtlicher Regen. Meinem aktuellen Wegbegleiter Mike reißt quasi im letzten Anstieg die Kette, was nur bedingt die Laune bessert, und so komme ich an der nächsten Kontrollstelle nass und durchgefroren an. Zum Glück ist sie gleichzeitig die erste Pizzeria in Italien, direkt hinter der Grenze. Ich rette mich ins Trockene und bestelle Pizza. Und gleich noch eine, heiß und lecker wie die ist. Unvernünftigerweise mache ich hier eine richtige Pause, was bei dem Wetter  sehr verlockend ist, aber dem Körper auch Zeit gibt auszukühlen.

DSC07645

IMG_4316

 

Und so mache ich mich viel zu kalt auf die Abfahrt und bereue es sofort, nicht direkt weitergefahren zu sein. Das Thermometer zeigt zwei Grad an, es regnet nach wie vor in Strömen und langsam verwandeln sich meine Füße und Hände in Eisklumpen. Um so schnell wie möglich wieder in tiefere (also wärmere) Regionen zu kommen, verlasse ich den offiziellen Track und bleibe für die Abfahrt auf der Hauptstraße, so schnell es eben geht, ohne dass ich durch den Fahrtwind zu sehr ins Schlottern komme. Zwischendrin muss ich einmal anhalten, um mich wieder “warmzuhüpfen”. Dabei geht mir zum ersten Mal durch den Kopf: “Was mache ich hier eigentlich?” Hier stehen bleiben ist aber auch keine Lösung, also zurück aufs Rad und weiter bergab.

IMG_4325

Im Regen in die Nacht

In Glurns treffe ich wieder auf die vorgeschlagene Route, und ab hier geht es auf dem Etschtalradweg weiter – leicht bergab immer am Fluss entlang, 220 einfach zu fahrende Kilometer bis zum Gardasee. Wären es jedenfalls, wenn der Regen nicht wäre, ich nicht schon 260 km in den Beinen hätte und dazu so ganz akut in meinen Zustand – nass, kalt, hungrig – auch generell keine Lust mehr hätte. Dass es inzwischen dunkel ist hilft auch nicht wirklich weiter. Da ist er dann auch wieder, der Gedanke: “Was mache ich hier eigentlich?”

Das einzige was jetzt noch geht: mir ein Hinterrad suchen und dranbleiben. Wenn ich jetzt anhalte, hab ich ernsthafte Angst, nicht mehr loszufahren. Also heisst es Zähne zusammenbeißen, Kopf runter und treten. Gelegentlich zwinge ich mich, einen Riegel zu essen, fantasiere ansonsten von einer heißen Dusche und einem warmen Bett in Bozen. Wenn ich jetzt an einem Hotel vorbei kommen würde, ich würde ziemlich sicher schwach werden – aber da kommt nichts und so bleibe ich an dem Hinterad vor mir und erreiche irgendwann tatsächlich Bozen.

IMG_4553

Dusche, Pizza, Bett

In Bozen hole ich mir nur schnell den Kontrollstempel ab und mache mich direkt auf die Suche nach einer Dusche. Und als ich um kurz vor Mitternacht so klatschnass und frierend mit meinem vor Dreck starrenden Rad in die Lobby vom besten Hotel am Platz rolle (es war einfach das nächste) – was passiert da? Der Mann hinter der Rezeption zuckt nicht mal mit der Wimper: Ja, natürlich hätte man ein Zimmer für mich. Und das Rad sollte ich doch am besten neben der Rezeption an den (antiken!) Schrank stellen – draußen würde ein Rad hier nur geklaut werden, das käme überhaupt nicht in Frage! Nun ja, ich bin in Italien, hier sind die schon radverrückt, aber damit hatte ich dann doch nicht gerechnet. Dankbar denke ich nicht weiter darüber nach und stelle mich mit meinen kompletten Klamotten unter die Dusche.

30 Minuten später liege ich frisch geduscht und vollgefressen (Pizza, klar) unter zwei Decken und stelle den Wecker auf fünf Stunden später, optimistisch dass es am nächsten Tag für mich weitergeht. Jetzt kommt mir alles auch gar nicht mehr so schlimm vor, die Erinnerung an die letzten paar Stunden beginnt schon zu verblassen und innerhalb kürzester Zeit schlafe ich tief und fest.

IMG_4328

Gute Begleitung, gute Laune

Nach ein paar Stunden Schlaf und einem anständigen Frühstück sieht die Welt dann auch wirklich viel besser aus, jeder Gedanke an Aufgeben ist wie weggewischt. Zwar gibt es Verluste zu beklagen: meine Kamera hat den Regen nicht überstanden (das Wort „wasserdicht“ hat wohl seine Grenzen), aber als ich um kurz vor acht mit überraschend wenig Protest meiner Beine auf mein Rad klettere, kommt die Sonne raus und ich mache mich wieder gut gelaunt auf die Weiterfahrt. Noch 314 km bis Ferrara.

IMG_4350

Der Radweg entlang der Etsch kann schon mal langweilig sein, kilometerlang geht es nur am Fluss entlang, keinerlei Steigungen, die für Abwechslung sorgen. Aber nach der Tour gestern bin ich froh, dass es so einfach geht und ich sogar Begleitung habe: Bernd und Carsten haben auch in Bozen übernachtet und so nehmen wir den zweiten Tag gemeinsam in Angriff. Nicht nur der gelegentliche Windschatten motiviert, sondern vor allem die Gesellschaft und gute Gespräche übers Radfahren.

IMG_4343

Kurz vor dem Gardasee gibt es dann doch noch mal ein paar Höhenmeter durch die Weinberge, eine letzte kurze Erinnerung, dass ich gerade die Alpen überquere. Dann rollen wir zu dritt in die Po-Ebene und holen uns in Mantua an der nächsten Kontrolle den vorletzten Stempel.

IMG_4364

Ausrollen ins Ziel

Ab hier sind es „nur noch“ 100 km bis zum Ziel in Ferrara – und zwar bretteben, immer am Po entlang. Langsam reicht es mir allerdings, ich mag nicht mehr treten und auch nicht mehr sitzen, Regen und Gegenwind wären jetzt tödlich für meine Moral. Aber ich habe Glück: ein leichter Rückenwind treibt mich in Richtung Ziel und so kann ich in einem wunderschönen Sonnenuntergang die Fahrt auf dem Deich sogar noch geniessen.  Die Gegend hier sieht für mich wie aus einem Asterix-Comic aus, alles sehr römisch, und ich würde mich nicht wundern, wenn Obelix aus den Wäldern kommt, einen Trupp römischer Legionäre vor sich hertreibend. Doch alles bleibt ruhig und so erreiche ich nach 42 Stunden und  665 km endlich Ferrara: Müde und k.o., aber glücklich.

IMG_4537 IMG_4546 IMG_4564

Text und Fotos: Christopher Jobmann

christopher02

Über den Autor: Christopher ist immer auf der Suche nach neuen Rennrad-Touren. Je länger, desto besser. Seine nächste große Herausforderung ist das Transcontinental Race 2017, von Beligen nach  Griechenland. Da hat er viel Gelegenheit im Training neue Gegenden kennenzulernen. Seine Touren plant und teilt er mit komoot. Folge Christopher auf komoot

Die Strecke auf komoot: Wer das ganze etwas entspannter nachmachen will, man kann sich die Tour natürlich auch auf ein paar Etappen aufteilen. Wir haben da schonmal was vorbereitet: Rando Imperator in 6 Etappen

Der Rando Imperator: Und wer Lust hat, bei dem Event selbst einmal mitzufahren: Der Rando Imperator findet traditionell am ersten Maiwochenende statt. Mehr Informationen findest du hier: http://witoor.com/

1 Comment

Kommentieren
  1. Tom Freiwah sagt:

    Wow, Hochachtung und Respekt!!! Ich danke Dir für diesen Bericht.
    Aus einer Idee heraus bekam ich auch sofort Herzrasen, als ich das erste mal von dieser Veranstaltung durch Zufall erfuhr.
    Nun bin ich kein Rad-Profi – aber hell auf begeistert, solch verrückte Aktionen anzugehen und zu meistern. Meine größte Hoffnung ist nur… schönes Wetter, kein Regen (!!!) Ob ich es körperlich schaffe… keine Ahnung, ich werde mich so gut wie möglich auf meine Art darauf vorbereiten und es versuchen. Ich bin schon ganz aufgeregt – und dieser Bericht hat mich nun in meinem Entschluss noch weiter „gepuscht“. Danke ;0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.