Neil Henderson – Am Ende des Asphalts beginnt der wahre Spaß

Bei Neil dreht sich alles um Cyclocross. Solltest du noch nie davon gehört haben, es ist eine Art des Radfahrens, bei der man mit einem rennradähnlichen Bike mit größeren Reifen nicht nur auf der Straße sondern vor allem abseits davon auf Feldwegen, durch Sand, über Schotter oder über jedes andere Terrain fährt, das man sich so vorstellen kann – und zutraut. In der Welt des Radsportes erfreut sich diese Kombination aus Rennrad und Offroad immer größerer Beliebtheit. Besonders im Herbst und Winter, wenn die Straßen zu glatt sind, wird immer häufiger der bevorzugte Asphalt gegen feine Kieswege und Felder eingetauscht. So auch bei einem kleinen Radsportverein in Schottland. Vor allem wenn es im Herbst und Winter zu matschigen Rennen geht. Um bei kalten Temperaturen warm zu bleiben und kurz aber gut ins Schwitzen zu kommen, gehen die Fahrer und Fahrerinnen für weniger als eine Stunde ins Grüne, für knackige Rennen voller Spaß. Nicht selten werden die Teilnehmenden dabei von Zuschauern angefeuert, welche mit Thermoskannen und hausgemachten Leckereien bewaffnet, dem Regen trotzen und energisch Kuhglocken läuten und den Radlern zujubeln.

Wenn man das so liest fragt man sich was zum Teufel an Cyclocross in Schottland toll sein soll. Kalt, matschig, nass? Neil und sein Team wissen aber, dass dies die optimalen Zutaten für einen großartigen Tag auf dem Rad sind.

Er fährt für einen Club namens Albannach (die wörtliche gälische Übersetzung bedeutet “zu Schottland gehörend”). Die Truppe ist auf auf den Straßen schnell zu erkennen, ein großes, buntes Einhorn ziert Rücken ihrer Trikots. Das sogenannte “Unicrois von Alba”, das Nationaltier Schottlands und dem vom Club gewählten Symbol des Cyclocross – bunt und einzigartig eben.

Im Sommer veranstaltet der Club regelmäßig Ausfahrten für alle, die teilnehmen möchten. Die meisten Routen gehen über gemischtes Terrain, andere vielleicht über Straßen, aber da die Teilnehmenden dies erst erfahren, wenn sie in die Pedale treten, wird grundsätzlich empfohlen, etwas größere Reifen zu fahren (ganz im Zeichen des Cross-Themas). Diese Routen werden normalerweise von Jim Cameron – dem sogenannten Sgiobair von Albannach, also dem Teamkapitän, zusammengestellt. Einige dieser abenteuerlichen Fahrten findest du hier.

Der Club hat Tradition und die Fahrer sind nicht nur ein Team sondern auch Freunde. So hat sich unter ihnen die Tradition großer Ausfahrten zu runden Geburtstagen gebildet. Ziemlich oft enden diese Fahrten allerdings wesentlich abenteuerlicher als es geplant war. Die Jungs haben schon häufig gegen die Elemente gekämpft, sich in Geschäften verbunkert, während Straßen zu Flüssen wurden und oft genug schon gab es mehr Reifenschäden und technische Herausforderungen als es auf einer einzigen Ausfahrt möglich sein sollte.

Neil erzählt uns von einer dieser Ausfahrten, bei der auch nicht alles glatt gelaufen ist, einer 300 für 30 Runde:

„Wie es für den Club Albannach zur Tradition geworden ist, hatten wir eine 300 Kilometer lange Fahrt geplant, um einen der runden Geburtstage im Team zu feiern: Leos große Drei-Null. Deshalb auch der Name der Runde “300 für 30 – Die Highland Runde”. Etwa zwölf von uns planten, sich im kleinen Städtchen Auchterarder zu treffen und in Richtung Loch Earn und Loch Rannoch zu fahren. Dabei war der Plan ruhige schöne Asphaltstraßen und so viele Anstiege wie möglich mitzunehmen – darunter Kenknock, Kenmore und Schiehallion, alleine letztere zwei mit Steigungen um die 20 Prozent. Mache von uns sind schon über einige der geplanten Straßen gerollt aber der Großteil der Route war Neuland für uns. Ein leichter Regenschauer begleitete unseren Start in das Abenteuer – auch das scheint zu einer Art Tradition unserer Clubfahrten geworden zu sein. Bald jedoch lachte die Sonne vom Himmel und freudig radelten wir durch die Hügel. Der schottische Sommer in diesem Jahr war absolut phänomenal und hat unsere Erwartungen auch an diesem Tag nicht im Stich gelassen. Nach etwa 40 Kilometern dann der erste Reifenschaden. Nervig aber das passiert nunmal. Es erwischte unser Geburtstagskind Leo. Wir befanden uns gerade am Wasser und haben an dem Tag gelernt wie man in Rekordzeit einen Schlauch wechselt: Ganz einfach indem man dabei von etwa tausend Stechmücken belagern.”

Foto: Eachann Gillies @eachann.gillies

“Reifen wieder ganz und die Gruppe wieder in Bewegung, radelten wir auf dem Rob Roy Weg, einer alten Bahnlinie mit außergewöhnlichem Blick über Loch Earn nach Killin hinauf. Hier ging es dann auf einen Singletrail – das war allerdings nicht ganz beabsichtigt. Es ist durchaus üblich, dass eine Fahrt im Albannach-Stil viel gemischtes Terrain beinhaltet, allerdings war keiner von uns auf seinem Crossbike unterwegs, denn dies hätte eine reine Asphalt-Tour werden sollen. Der Trail stellte sich zwar als richtig spaßig heraus, aber in Bezug auf Fahrradschläuche kam er uns teuer. Am Fuße der Abfahrt gab es erstmal eine große Schlauchwechsel-Party. Reifenschäden noch und nöcher. Geradezu im Akkord wurden Reifen abgezogen, Schläuche getauscht und aufgepumpt. Immerhin hatten wir einen langen Tag vor uns und wollten keine Zeit verlieren. Nach einem kurzen Abstecher in den Ort Killing zum Wasser auffüllen ging es zum höchsten Punkt der Fahrt.”

“Hinter Killin links abbiegend, fuhren wir den Glen Lochay mit seiner herrlichen Straße hinauf, welche nach Kenknock führt. Es ist ein kurzer aber zermürbender Aufstieg: drei Kilometer mit Steigungen zwischen 9,5 und 23 Prozent. Oben angekommen wurden wir dann mit einer absolut genialen Abfahrt nach Glen Lyon, in die kleine Gemeinde Pubil belohnt. Die Straße entlang des Glen Lyon nach Kenmore ist eine der besten, die ich je gefahren bin: Perfekter Asphalt, kaum Verkehr, atemberaubender Aussicht und der schönsten Landschaft die man sich vorstellen kann. Zwei Gedanken kamen mir da in den Kopf: Was für ein Glück, dass ich in Schottland lebe. Und, warum war ich hier noch nie?”

“Nachdem wir in Kenmore erneut unsere Trinkflaschen füllten, mussten wir auch unseren Plan nochmal überdenken. Der Singletrail war hart für unsere Schlauch-Vorräte. Wir hatten verteilt über die Gruppe satte neun Reifenschäden und die ständigen Reparaturen hatten uns ein gutes Stück im Zeitplan nach hinten versetzt. Über 150 Kilometer lagen noch vor uns und wir hatten vor allem nur noch zwei Schläuche – eher ein Glücksspiel. Daher entschlossen wir uns schweren Herzens, die Route zu verkürzen. Loch Rannoch und der Schiehallion-Anstieg heben wir uns für einen anderen Tag auf.”

“Von Kenmore ging es erst direkt am Ufer des Loch Tay entlang und dann den Glen Quaich hinauf. Die Straße ist schmal, aber zum Glück erkannten die Autofahrer die uns entgegen kamen die Anstrengung, mit der wir uns gerade nach oben quälten und machten uns Platz. Der Anstieg wurde oben, kurz bevor man den Hügel schlussendlich erklommen hat etwas flacher und dann ging es auch schon hinab zum Loch Freuchie. Es war ein knackiger Anstieg und ein rasante Abfahrt. Vor allem die Geschwindigkeitsbegrenzungen am Fuße der Talfahrt waren mit Vorsicht zu genießen. Glücklicherweise haben wir eine gute Reaktion und noch bessere Bremsen.”

“Nach dieser Abfahrt ging es für die Truppe zurück nach Auchterarder für ein paar wohlverdiente Kalorien in Form von Pommes und anderen Leckereien. Eine schöne Runde über 175 Kilometer. Sicher, es waren nicht die geplanten ‚300 für 30‘- aber wir kommen wieder – mit ein oder zwei zusätzlichen Ersatzschläuchen.“

Foto: Eachann Gillies @eachann.gillies

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