MTB-Transalp vom Bodensee an den Comer See – eine etwas andere Variante

MTB-Transalp vom Bodensee an den Comer See – eine etwas andere Variante

Da standen wir nun am Comer See, an der Promenade von Colico, mit blutenden Schienbeinen, übersät mit Stechmückenstichen, die E-FatBikes total verdreckt – aber überglücklich und stolz, am Ziel angekommen zu sein. Ein geiles Gefühl. 25 Kilometer nördlich des Bodensees waren wir vor fünf Tagen an der Haustüre gestartet. Auf einer mit komoot selbst entwickelten Route. Es hat alles, wirklich alles super gepasst.

Wir waren nie die großen Sportskanonen und waren nicht sicher, ob wir das wirklich schaffen würden. Aber jetzt lagen Etappen mit teils über 100 Kilometern und über 2.000 Höhenmetern hinter uns. Die Kraft der zwei Akkus hat uns geholfen und trotzdem mussten wir mehrmals in der Mittagspause nachladen, obwohl wir sparsam fuhren. Ich, Roy, 55, und meine Frau Ela mit fast 50 hatten sowas nie zuvor gemacht, maximal zweitägige Touren. Traut Euch! Nachmachen!

Es gibt so ein paar Dinge im Bikerleben, die man mal gemacht haben muss. Die Wettersteinrunde – abgehakt. Die Karwendelrunde – abgehakt. Transalp – das fehlte noch! Mit Reiseveranstalter? Nee, mit komoot!

Auf der Suche nach Reiseveranstaltern für MTB-Transalp-Touren mit einfacherem MTB-Anteil zwischen S0 und S1 stellte ich fest, dass gefühlt 95 Prozent aller Veranstalter mehr oder weniger die Via Claudia Augusta über den Reschenpass lang fahren. Nee, wir wollten lieber eine schöne, nicht so bekannte Alternative finden, die Vorschläge waren uns aber meist zu technisch. Schließlich fand ich eine Tour vom Bodensee an den Lago Maggiore mit schönen Hotelübernachtungen, auch mit Wellness. Leider über den San Bernhardino-Pass als Alpenhauptkamm-Überquerung zusammen mit Hunderten Motorrädern jeden Tag – also fast wie der Reschen. Trotzdem – die wollte ich buchen – meine Frau informierte ich über meine Pläne. Spontan sagte sie: „Da mache ich mit!“. Nur – zu den Terminen des Veranstalters konnte sie sich geschäftlich nicht losreißen. Also selber planen, dann gleich so, wie es uns passt. Von der Haustüre weg, ohne Auto.

Also diverse Routen gecheckt, in komoot importiert, geplant, umgeplant, wieder verworfen… Ich war so stolz, dass meine Frau sowas mitmacht. Ich wollte es nicht verbocken, technisch musste alles perfekt sein, die Planung ebenso. Aber: komoot leistete hervorragende Dienste bei der Planung. Perfekt!

Die Route

Schließlich stand die Route: Über sieben „Pässe“ von zu Hause an den Comer See. Für die Alpenhauptkammüberquerung wählte ich den Septimerpass – keine Autos, keine Ortschaften. Lieber plante ich manche „Umwege“ ein, wo es sich lohnte und „schummelte“ dafür an anderer Stellen durch eine Fähr-, eine Schiffspassage und eine Seilbahnstrecke.

Die Route sollte vom Deggenhausertal über den Bodensee mit der Fähre nach Romanshorn, über den Rohrschacher Berg durch das Appenzell zur Schwägalp, über den Risipass und den Vorder Höhi Pass nach Weesen an den Waalensee führen. Dort mit dem Schiff nach Walenstadt ans andere See-Ende und weiter nach Bad Ragaz über die Taminaschlucht zum Kunkelspass und runter nach Tamins nahe Flims. Im Tal nach Chur und dort mit der Seilbahn hoch zur Brambrüesch. Durch die Lenzerheide nach Tiefencastel runter und dann nach Savognin hoch bis Bivio, über den Septimerpass runter nach Chiavenna bis Colico an den Comer See. Rückreise per Zug mit nur zwei Mal umsteigen. Fähre nach Friedrichshafen und den Rest nach Hause radeln. Gesamtlänge circa 320 Kilometer mit 7.500 Höhenmeter in fünf Etappen mit einem Pausentag.

Das war uns bei der Planung war uns wichtig

  • Übernachtungen in Hotels guter (noch bezahlbarer) Kategorie, möglichst mit Wellness, Pool oder Sauna – das zahlte sich echt aus. Hotels in der Schweiz sind noch bezahlbar, das Essen ist heftig teuer – aber qualitativ absolut überall hervorragend.
  • Die Nähe von Autobahnen und Schnellstraßen, sowie stark befahrene Pässe und längere Rheintalabschnitte wollten wir möglichst meiden. Das war auch eine gute Entscheidung, denn die wenigen kurzen Ausnahmen, wo es nicht anders ging, zerrten schwer an den Nerven
  • Der Alpenhauptkamm sollte anspruchsvoll, technisch machbar, aber nicht zu simpel (Autopassstraße) zu überqueren sein. Leider gibt es hier nicht allzu viele Möglichkeiten, ich finde wir haben mit dem Septimerpass eine sehr gute Wahl getroffen, auch wenn wir uns wegen ganz leichten Nieselregens dazu entschieden, aufgrund unseres Könnens lieber eine halbe Stunde bergab zu schieben, weil die glatten Steine der holprigen Römerstraße zu glitschig waren.
  • Wir fuhren mit E-FatBikes mit je zwei Akkus und gegebenenfalls einer Ladepause über Mittag. Vier Mal luden wir unterwegs die Akkus während Pausen. War nicht jedes Mal nötig, aber beruhigend. Nie wurde uns das verwehrt und immer gaben wir ein gutes Trinkgeld dafür.
  • Die Etappenlängen sollten uns Zeit lassen, an schönen Plätzen zu verweilen. Für uns stand Urlaub und der Genuss der Landschaft im Vordergrund.
  • Um flexibler zu sein bei Wetterkapriolen plante ich in Lenzerheide einen Pausentag ein – den hätte man auch verschieben können. Der Rückreisetag war fix.Das Wetter spielte perfekt mit, der Pausentag im Thermalbad in Lenzerheide war herrlich.
  • Hotels buche ich normal am liebsten direkt. Dann hat der Hotelier die beste Marge. Wenn das Wetter verrückt spielt, bei Pannen, Verletzung oder Abbruch kommt das aber teuer wegen der Stornierungsbedingungen! Also lange vorher über das Internet gebucht mit möglichst kurzer kostenloser Stornierungszeit von ein bis drei Tagen. Damit kann man wetterbedingt kurz vorher noch verschieben oder absagen, sogar während der Tour. Das hatte auch großen Einfluss auf die Hotelauswahl.

Auf Pannen vorbereitet

Dass für so eine Tour alles perfekt gewartet sein muss ist klar. Dazu gehört zum Beispiel ein neuer Antriebsstrang am E-Bike aus Kassette, vorderes Ritzel, Kette. Ich musste nach einer Passabfahrt vorne neue Bremsbeläge montieren, was schnell erledigt war. Bei meiner Frau schaltete am dritten Tag die Schaltung unsauber, was sich aber schnell wieder beheben ließ. Sonst nichts.

Mitgeführt hatten wir für unsere E-FatBikes einen Faltmantel, zwei Schläuche, einen Satz Kurbeln, zwei Schaltaugen, Speichenmagnet, Schaltzug, Bremsbeläge, Dichtmilch für die Tubeless-Reifen und das nötige Kleinwerkzeug. Der Faltmantel war ein Problem. Kaum ein Händler unterwegs würde uns mit einem Schlauch oder Mantel für ein Fatbike helfen können. Beim normalen MTB bestimmt kein Problem und unnötig, einen Mantel mitzunehmen. So ein Fatbike-Mantel ist riesig! Also auf ein Bike einen Gepäckträger mit Top-Tasche für Schläuche und Mantel.

Passt alles in einen Rucksack?

Die Zweitakkus fanden bei unseren Hardtails in einer am Oberrohr hängenden Rahmentasche Platz, wo auch noch die Regenjacke rein passte. aber unsere bisherigen Tourenrucksäcke waren zu klein, wir kauften größere 30+5 Liter Rucksäcke. Je zwei kurze Radlerhosen, eine leichte, lange Hose auch für abends, zwei Halbarm-Trikots, ein Langarm-Trikot, eine dünne Regenjacke, drei Unterhosen, drei Paar Socken, ein „Ausgeh-T-Shirt“, eine Trinkflasche, ein Ladegerät, ein USB-Lader, zwei Kamera-Akkus.

Auf Duschgel, Shampoo, Waschmittel haben wir verzichtet. Hat jedes Hotel. Und mit dem Hotelzeug kann man am Abend kurz je eine Unterhose, ein Trikot und ein Paar Socken waschen und nachts am Stuhl trocknen. Alles schnell trocknende Synthetik-Wäsche. Was nachts nicht trocken wurde, darf in der nächsten Mittagspause an die Luft. Bewährt hat sich das Verpacken der Klamotten in drei bis vier Müllbeutel. Die werden komprimiert und verdreht und so lässt sich alles leicht und kompakt verstauen.

Die heftigste Erfahrung?

Heute lachen wir darüber, aber lächerliche drei Kilometer vor dem endgültigen Ziel vor Colico am Comer See „versenkten“ wir uns auf der Flucht vor der Auto-Hauptstraße gegen komoots Rat in den sumpfigen Seeauen des Comer Sees, versuchten vergeblich durch meterhohe Brennnesseln zu kommen, stapften Knöcheltief im Matsch herum, kehrten um, kürzten über einen Dschungel-artigen Hügel mit Tragestrecke ab – wieder gegen den Rat von komoot – wurden Dutzendfach gestochen, schlugen uns die Schienbeine blutig auf – dank Pin-Pedals, wuchteten Räder über Felsen und Absätze mit allem Gepäck, sodass wir glaubten, es gehe nicht weiter. Angekommen in Colico sahen wir so wild aus, dass sich alle nach uns umdrehten. Am Hotelempfang wurde ich gefragt, ob wir ärztliche Hilfe bräuchten… .

Der schönste Streckenabschnitt

Am Abend der ersten Etappe, es war schon nach 19 Uhr, nach 114 Kilometern und 2.000 Höhenmetern erreichten wir hungrig den Fuß des Säntis in sagenhaftem Abendlicht. Für uns völlig unerwartet schön. Das soll unser Hausberg sein, den wir jeden Tag von zu Hause aus sehen? Ein paar Kilometer entlang einem Dutzend Almbetrieben mit Ziegen, Schafen und Kühen, windet sich der Weg romantisch zur Schwägalp hin. Überall spielende und glücklich tobende Kinder. Auch in der Schweiz sind Sommerferien und die Kinder der Almbauern sind mit dabei auf den Almen. Märchenhaft! Am nächsten Morgen steht die Sonne noch immer ganz flach und wirft lange Schatten, als wir zum Risipass fahren. So wunderschön kannten wir unseren Hausberg, den Säntis nicht. Trotz Wetterglück, toller Eindrücke und perfekter Strecke wurde der erste Säntisabend nicht mehr übertroffen, obwohl jede Etappe viele prägende Eindrücke hinterlassen hat.

Herausforderung Septimerpass

Wir wollten es einsam und bekamen es einsam. Der Septimerpass ist ein Pass aus der Römerzeit, der heute keine wirtschaftliche Bedeutung mehr hat. Besonders auf der Südseite sind große Teile des Weges – teils restauriert – riesige Pflastersteine, sehr uneben, glatt und holprig. Kein S0-Terrain! Auf der italienischen Seite geht es in vielen Spitzkehren 500 Höhenmeter den „Eselstod“ hinunter.

Früh starteten wir in Bivio auf circa 1.800 Meter, passierten die letzten Almen und die letzten Menschen auf der Strecke. Kurz vor der Passhöhe auf 2.300 Meter begann es zu nieseln. Wir waren in den Wolken. Die Steinflächen wurden derart glitschig, dass wir lieber schoben. Auch das war nicht risikofrei. Die 16 Kehren den „Eselstod“ hinab waren beschwerlich, aber machbar. Bei trockener Witterung hätte ich mir das auch fast alles zum Fahren zugetraut, aber jetzt besser nicht. Als wir ganz unten waren, kam eine Gruppe junger, wilder und technisch versierter Mountainbiker heruntergefahren. Wer denkt schon an Morgen? Wir! Denn wir hatten jetzt noch eine Woche Urlaub mit den Kindern und dann noch eine gemeinsame 5-Tages Tour durch die slowenischen Alpen vor uns. Eine Verletzung und alles wäre vorbei! Also lieber kein Risiko eingehen…

Nochmal?

In der folgenden Woche waren wir mit Kindern, Hund und Auto am Faaker See in Kärtnen. Und von dort aus fuhren wir nach einer Woche Badeurlaub los durch die slowenischen Alpen in fünf Etappen nach Triest. Knapp 300 Kilometer. War aber auch echt schön.

Natürlich möchte ich wieder eine TransAlp in ähnlicher Form fahren – aber, ob meine Frau nochmal mitgeht? Nach zwei TransAlps in drei Wochen fragte ich besser nicht. Ich plante aber schon klammheimlich an der nächsten großen Tour. An Weihnachten fragt meine Frau: „Wo fahren wir eigentlich die nächste TransAlp?“ – da wusste ich, sie war auch endgültig infiziert! – Und natürlich ahnte sie, dass ich die schon wieder geplant hatte.

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