Mit dem Rucksack quer durch Schottland – Geschichten aus fast 40 Jahren TGO-Challenge

Bei der Great Outdoors Challenge, kurz TGO-Challenge, durchqueren die Teilnehmer Schottland von der West- bis zur Ostküste: mit Rucksack, Zelt und eigener Routenwahl. Das Ziel dieses Selbstversorger-Abenteuers ist es, die entlegensten Ecken Schottlands zu erleben, die nur zu Fuß erreichbar sind. Und manchmal entstehen dabei Freundschaften für die Ewigkeit.

Der Veranstalter des ganzen ist die Outdoor-Zeitschrift „The Great Outdoors” und 2019 unterstützte komoot diese als Sponsor. Wir trafen zwei Teilnehmerinnen, die sich bei dieser Challenge getroffen haben und seitdem eng befreundet sind. Hier erzählen sie uns, wie sie sich kennengelernt haben und vor allem, was Backpacking für sie bedeutet.

Wie seid Ihr zum Backpacking gekommen?

Ali: Mein Vater hat mich dazu gebracht. Anfangs machten wir viele Campingurlaube und Bergtouren. Er nahm mich schon als Achtjährige mit auf Scafell Pike, Mount Snowden und Ben Nevis. Als Jugendliche wanderte ich mit ihm zusammen auf dem Cotswold Way und dem Two Moors Way, zwei bekannten englischen Fernwanderwegen. Irgendwann sah ich im Fernsehen den bekannten Schauspieler Joss Ackland, wie er als älterer Mann die britische Insel der Länge nach durchquerte, auf der berühmten Route von Land’s End nach John o’Groats. Das hat mich damals sehr inspiriert und 1990 nutzte ich dann die freie Zeit zwischen zwei Jobs, um die Strecke selbst zu wandern. Heute gibt es Reiseführer zum „LEJoG“, wie die Tour von Kennern genannt wird, damals musste ich meine Route selbst planen. Dabei habe ich mir wohl das Backpacking-Fieber eingefangen.

Sue: Mein erstes Backpacking-Erlebnis war ein Trip in den Lake District als Teenager und seitdem bin ich ebenso infiziert. Das Wandern ist irgendwie in mir drin. Den LEJoG wollte ich auch immer schon machen, und bin 2010 auch endlich dazu gekommen.

Was ist das Schönste daran, mit Rucksack und Zelt in die Wildnis zu ziehen?

Ali: Das ist schwer zu beantworten. Darf ich alles aufzählen?! Die Hauptsache für uns beide ist, dass wir an entlegene Orte kommen, die auf einer Tagestour nicht zu erreichen sind. Es gibt nichts Schöneres, als dein kleines Zuhause hoch oben auf einem Lagerplatz aufzubauen, beim Abendessen die unfassbare Aussicht zu genießen und von einem fantastischen Sonnenaufgang geweckt zu werden.

Aber wir mögen auch schlechtes Wetter. Manchmal ist es richtig hypnotisch, wenn man dem Klang des Regens auf dem Zeltdach zuhört, während man sich im Schlafsack einwickelt. Und eine gemütliche Übernachtung bei schlechten Bedingungen ist auch ein Erfolgserlebnis, das sich allerdings im Nachhinein oft besser anfühlt als in dem Moment selber.

Wir schaffen es auch hoch auf die Berge, bevor die meisten Leute überhaupt aufwachen. Einmal sind wir durch den Morgennebel auf den Ben Alder gestiegen. Schon vor 8 Uhr waren wir auf dem Gipfel und wurden mit einem einzigartigen Wolkenphänomen belohnt, den Inversionswolken. In der Sonne sitzen und zuschauen, wie ein Berggipfel nach dem anderen durch die Wolken sticht, während diese langsam ins Tal sinken – das werden wir nie vergessen.

Was das Backpacking noch besonders macht, ist das einfache Leben unterwegs. Erst, wenn man sein ganzes Zuhause auf dem Rücken trägt, merkt man, wie wenig man eigentlich zum glücklich sein braucht. Unterwegs einfach die Sachen packen und zum nächsten „Zuhause“ weiterwandern: Das ist unglaublich befriedigend. Auch die Geschwindigkeit verändert sich: Man läuft langsamer und hat mehr Zeit, die Umgebung zu genießen.

Könnt ihr eure persönliche TGO-Geschichte mit uns teilen? Wie seid ihr dazu gekommen? Warum seid ihr immer wieder dabei?

Sue: Ich hab‘ 1982 bei der damals dritten Challenge teilgenommen, bin also schon seit über drei Jahrzehnten dabei. Von den späten 80ern bis zu den frühen 90ern gab es eine Unterbrechung, weil ich in der Zeit wettkampfmäßig Rad gefahren bin. Seit 1999 bin ich aber wieder regelmäßig dabei.

Ali: Mein Vater zeigte mir 1980 Berichte von der ersten Challenge. Zu der Zeit war ich aber noch zu jung, um teilzunehmen. Dann kam die Uni und die Familie und ich hab sie jahrelang vergessen. Bis ich 1999 eine Ausgabe von „The Great Outdoors” in die Hände bekam. Allerdings hat meine älteste Tochter genau in der Zeit Geburtstag, so dass es einige Mühen und Verhandlungen kostete, im Jahr 2000 teilnehmen zu dürfen – und bis heute kann ich nur jedes zweite Jahr dabei sein.

Es gibt eine Menge Gründe, wegen denen wir immer wieder dabei sind – wie übrigens auch mehr als die Hälfte aller Erstteilnehmer. Die Möglichkeit, jedes Jahr eine andere Route zu gehen, gehört auf jeden Fall dazu. Der Hauptgrund aber ist bestimmt das Gefühl der Kameradschaft. Man trifft so viele Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensläufen, aber alle vereint das gleiche, einfache Ziel: an die Ostküste zu gelangen. Die TGO-Challenge ist mit Absicht nicht als Wettbewerb deklariert, und so verbindet alle ein großes freundschaftliches Gefühl. Das klingt vielleicht ein bisschen kitschig, aber hier sind wirklich alle eine große Familie.

Könnt ihr uns erzählen, wie ihr euch beim Wandern auf der TGO-Challenge kennengelernt habt?

Ali: Eine Geschichte wie die unsere, wie wir Freundinnen wurden, können wahrscheinlich noch viele andere „Challengers” erzählen: Die Geschichte, wie aus einer zufälligen Bekanntschaft eine langanhaltende Freundschaft wurde. Wir trafen uns 2004 zufällig auf einem Campingplatz in Tummel Bridge. Wir waren beide vor unserem Zeitplan, so dass wir beide eigentlich noch nicht hätten dort sein sollen. Den nächsten Tag wanderten wir zusammen und trafen uns dann ein paar Tage später zufällig noch einmal. Wir blieben in Kontakt und zwei Jahre später planten wir ein paar gemeinsame Tage auf der TGO-Challenge. Da beschlossen wir, bei Sues zehnter Ost-West-Begehung den größten Teil der Strecke zusammen zu gehen. Und bei unserer nächsten Challenge gingen wir den gesamten Weg zusammen. 

Auf halbem Weg übernachteten wir in einem Bed & Breakfast. Es war ein wenig heruntergekommen und sollte verkauft werden und in unseren beiden Köpfen war sofort eine Idee geboren. Nach ein paar Tagen war sie schon so weit gewachsen, dass wir über neue Griffe für die Türen nachdachten. Das war natürlich erstmal reine Fantasie, aber der Samen für ein gemeinsames Unternehmen war gepflanzt und sechs Monate später stellten wir fest, dass wir beide uns das Haus online angeschaut hatten. Bei unseren Ehemännern war überraschend wenig Überzeugungsarbeit nötig. Wir schauten uns das B&B gemeinsam an, stellten aber fest, dass es für uns doch nicht funktionieren würde. Als ein paar Jahre später ein Hostel zum Verkauf stand, machten wir unseren Traum wahr: 2012 kauften wir das Nowtonmore Hostel.

Zuerst führten Sue und ihr Mann es alleine und ich war die Urlaubsvertretung. 2014 zog ich dann mit meiner Familie dazu. Und obwohl wir jetzt schon seit sieben Jahren unser Unternehmen betreiben, sind wir immer noch Freunde.

Wir sind wahrscheinlich das einzige Unternehmen, dass aus einer Challenge-Bekanntschaft entstanden ist, aber es haben sich viele Langzeitfreundschaften entwickelt. Und auch einige Hochzeiten gab es schon – eine davon 2016 beim Challenge Dinner, mit Braut und Bräutigam im Challenge-T-Shirt.

Anscheinend fördert die TGO-Challenge ein Gefühl der Gemeinschaft. Kann man diese positiven Auswirkungen auf die mentale Gesundheit und den Gemeinscheinschaftgeist auch beim „normalen” Backpacking erleben?

Ali: Für viele ist das Backpacking eine willkommene Auszeit vom Stress des täglichen Lebens. Aber für eine nicht unbedeutende Minderheit sind diese Wandertouren ein unverzichtbares Mittel für die seelische Gesundheit: Wenn sie mit schwierigen Verhältnissen in der Familie, mit physischen oder psychischen Krankheiten klarkommen müssen.

Zufällige Bekanntschaften kann man natürlich auf jeder Backpacking-Tour finden, aber es hilft, wenn viele Backpacker gleichzeitig in der Nähe sind. Wir haben von ähnlichen Freundschaften gehört, die auf anderen Fernwanderwegen entstanden sind, auf dem Jakobsweg, dem Pacific Crest oder den Appalachian Trails. Was die „Challenge” besonders macht, ist jedoch, dass die Leute jedes Jahr wiederkommen. So können aus Bekanntschaften eher langanhaltende Freundschaften werden.

Dabei kommt die seelische Gesundheit nicht nur von der Gemeinschaft. Das Alleinsein ist genauso wichtig, wird aber oft unterbewertet. Ist man einmal ganz alleine unterwegs durch ursprüngliche und schöne Landschaften, findet man auch die Zeit, darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist. Um diese „gedanklichen Freiräume” zu finden, muss man nicht an der TGO-Challenge teilnehmen, aber es hilft. Denn dort wechseln sich Zeiten, in denen man ganz alleine für sich ist, mit anderen ab, in denen man andere gleichgesinnten Menschen trifft: Eine einzigartige Mischung aus Einsamkeit und Gemeinschaft.

Schau dir an, welche Strecke Sue und Ali 2019 gewandert sind und informier dich auf der Website von The Great Outdoors über die Veranstaltung von 2020.

Fotos © Ali Ogden

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