Lee Craigy – Manchmal musst du deiner eigenen Route folgen

Das Silk Road Mountain Race, welches im Sommer 2018 seine Premiere feierte, gilt als eines der härtesten Langstreckenrennen der Welt. Die Fahrer folgen einer vorgegebenen Route und versuchen ohne jeglichen Support von außen so schnell wie möglich ins Ziel zu kommen. Zu gewinnen gibt es nichts. Wer mitmacht, tut dies für sich selber, für die eigene Herausforderung. Die Route folgt selten einer Asphaltstraße, manchmal noch einer guten Schotterstraße, meistens aber alten Versorgungswegen und Trails. Nicht selten wird das Rad – samt Ausrüstung – dabei geschoben oder gar getragen. Unterwegs gibt es nur wenige Versorgungsmöglichkeiten, was dieses Rennen zu einem risikoreichen Abenteuer macht. Im ersten Jahr schaffte es nur ein Drittel aller Teilnehmer ins Ziel. Aber alle haben sich in die kirgisische Landschaft verliebt.

Wir freuen uns, in diesem Jahr Sponsor des Silk Road Mountain Races zu sein. Die Route ist bereits geplant und wird hier und dort vielleicht noch einen Feinschliff bekommen. Unter www.silkroadmountainrace.cc findest du alle Infos zum Rennen und der Strecke.

Komoot Ambassador Lee Craigy hat sich bereits im letzten Jahr der Herausforderung des Silk Road Mountain Races gestellt. Auch wenn nicht alles wie geplant lief, ist es dennoch ein Abenteuer für die Ewigkeit geworden. Uns erzählt sie ihre Geschichte dazu:

“Tag vier des 1700 Kilometer langen Rennens durch die kirgisischen Berge. Ich stehe bei Kontrollpunkt zwei, in einem samt-grünen Tal durchzogen mit rosa und grauen Granitblöcken. Ein Gletscherbach bahnt sich seinen Weg durch die Landschaft. Am Talboden stehen viele Jurten, die traditionellen Rundzelte der Kirgisen. Aus jedem einzelnen steigt eine Rauchschwade in den blauen Himmel hinauf. Ich mache eine bitter benötigte Pause, im Schutz des Dorfes, in dem ich bekannte Gesichter wiedersehe.

Ich bin immer zwiegespalten, wenn es um Rennen wie dieses geht. Gleichzeitig hasse und liebe ich es, so schnell wie möglich durch die wilde Landschaft zu rauschen. Ich fühle mich schuldig dabei, dass meine erste Begegnung mit einem Land und seinen wundervollen Menschen im Wettbewerbs-Kontext stattfindet und, dass das Entdecken einer Region und seiner Kultur im Hintergrund steht.

So entschied ich mich bereits früher nach Kirgistan zu reisen, um das Land in meiner eigenen Geschwindigkeit kennenzulernen. Das war die beste und gleichzeitig schlechteste Entscheidung, die ich hätte treffen können. In den Wochen vor dem Rennen, in denen ich 1400 Kilometer durch das Land geradelt bin, habe ich großartige Menschen getroffen, an den schönsten Orten übernachtet, hin und wieder eines der wilden Pferde geritten, seltsame Gerichte gegessen und in Gletscherseen gebadet. Und ich habe mir eine Magen-Darm-Erkrankung eingefangen.

Am Tag des Rennens stehe ich in Bishek, umgeben von 98 anderen Teilnehmern und wiege ganze sechs Kilogramm weniger als noch zwei Wochen zuvor. Erschöpft und immer noch krank gehe ich also an den Start und stelle mich einer Herausforderung, die bis dato die Härteste meines Lebens werden sollte.


An Tag vier des Rennens, weiche ich absichtlich von der Route ab, meine Willenskraft schwindet, Kopf und Füße wollen nicht mehr. Die Nacht zuvor zog ich bei hellem Mondschein durch die beeindruckendste Wüsten- und Felsenlandschaft, die man sich vorstellen kann – es herrschte eine unglaubliche Stimmung, welche sich kaum in Worte fassen lässt. Am Morgen von Tag vier befinde ich mich immer noch in dieser unfassbaren Landschaft. Bei Tageslicht fühlt sich alles noch unwirklicher an, eine Szenerie, die es Wert ist inne zu halten und sich alles genau anzusehen; dennoch fahre ich weiter. Aber plötzlich macht mein Kopf zu. Alles fühlte sich wie ein Kampf an.

An solchen Rennen teilzunehmen ist immer hart aber erfüllt einen umso mehr mit Gefühlen von Glück und Freiheit. Dieses Wissen lässt mich auch dann weiterfahren, wenn es besonders hart wird. Die letzten drei Tage jedoch fühlten sich an als würde ich versuchen, einen Quader in ein rundes Loch zu stecken. Es passte einfach nicht. Ich bin dehydriert und erschöpft, weil ich kaum etwas in meinem Körper halten kann. Und das, während ich gut 20 Stunden am Tag auf dem Rad sitze. Weil ich zu allem Überfluss auch noch meine Schlafmatte in der ersten Nacht versehentlich mit dem Gaskocher geschmolzen hatte, ist auch der wenige Schlaf den ich mir gönne nicht der Beste.

Heute Morgen bin ich erstaunlicherweise immer noch an vierter Position und alles scheint gut. Als ich auf der Schotterstraße zur chinesischen Grenze hin rolle und auf der anderen Seite die perfekte Asphaltstraße sehe, auf deren Oberfläche die Hitze der Sonne spiegelte, drehe ich aber instinktiv um. Ich brauche etwas anderes, ich muss mein eigenes Ding machen!

Ich habe nicht genug Disziplin, um auf der Strecke zu bleiben und weiter das Rennen zu bestreiten, also ignoriere ich die Linie auf meinem GPS und fahre nach Tash Rabat, einem Handelsposten aus dem 14. Jahrhundert auf der Seidenstraße – der “Silk Road”. Ich steige von meinem Rad, wandere durch das Tal und erkunde die Gegend. So sitze ich nun auf dem Dach des alten Steingemäuers und denke an all die Reisenden, die hier über die Jahrhunderte hinweg vorbei gekommen sind und Zuflucht gesucht haben. Ziemlich passend, oder?

Radfahren war für mich immer die Jagd nach Freiheit und der Freude beim Entdecken des Unbekannten. Ich mag es tatsächlich auch, mich mal zu verfahren oder an einem ungeplanten Ort zu landen und einfach eine neue Route zu finden. Manchmal heißt das auch, dass es gefährlich wird oder ich mein Rad stundenlang schieben und tragen muss. Diese Momente zeigen mir aber immer etwas Neues, in der Welt um mich herum oder tief in mir selber. Ich bin beinahe süchtig danach, schier ausweglose Situationen zu meistern. Während ich meiner GPS Route für das Rennen folgte und sich mein Magen immer weiter drehte, hatte ich das Gefühl, keine Freude mehr zu spüren, nichts mehr zu entdecken.

Nach einem kurzen inneren Kampf mit meinem Ego, das nunmal auch gerne gewinnt, entscheide ich mich, aus dem Rennen auszusteigen. Ich erinnere mich selber daran, dass es oft in einer Enttäuschung mündet, wenn ich zu sehr an Erwartungen festhalte. Irgendwie tut es mir leid, aber die Erleichterung über die Entscheidung meinem Herzen zu folgen, ist ein richtig gutes Gefühl.

 Jetzt, weit weg von der Rennroute startet mein ganz persönliches Abenteuer. Keiner in dem kleinen Jurtendorf kann mir sagen, ob es möglich ist, über den Tash Rabat Pass auf 3.960 Meter Höhe zu gelangen und auf der anderen Seite wieder hinunter zu kommen, aber mit komoot und den Offline-Karten der Region in meiner Tasche gebe ich dem Vorhaben eine Chance. Langsam steige ich auf den Pass hinauf. Mein Rad schiebe oder trage ich dabei die meiste Zeit und ich genieße es so richtig. Was für ein Triumph. Auf der anderen Seite geht es teilweise laufend, teilweise fahrend wieder hinunter. Und hier inmitten der einsamen Bergwelt, wo ich mich über Pferdewege oder pfadloses Gelände arbeite, finde ich auch die Freude wieder.

Als ich sicher auf der anderen Seite des Gebirges ankomme, in der Nähe der originalen Rennstrecke, habe ich plötzlich das Gefühl, dass ich das Rennen zu Ende fahren möchte. Ohne Schlafmatte und rund 200 Kilometer kalter Wüste vor mir, ist mein erklärtes Ziel für heute zum Kontrollpunkt 2 zu gelangen, sonst wird die Nacht eine sehr ungemütliche werden. Ich mache mich auf den Weg in Richtung Rennroute, während sich Sturmwolken am Himmel zusammen brauen. Und genau hier kehrt die Magie zurück. Das Glück, auf dem Rad zu sitzen und durch die Landschaft zu fliegen. Die Wüste ist nicht besonders imposant und dennoch bringt sie mir meine Leidenschaft zurück. Unterwegs komme ich an zwei Rundhütten vorbei und werde beide Male zum perfekten Zeitpunkt – als der Regen niederprasselt – eingeladen zu verweilen. Die Freundlichkeit der Menschen hier ist unvergleichlich. Wortlos und lächelnd schlürfen wir Chai oder fermentierte Pferdemilch, bis sich die Sonne wieder zeigt und ich weiter meiner Wege ziehe.


Diese beiden Begegnungen geben mir genug Kraft, um es bis zum Kontrollpunkt zwei zu schaffen und es ist höchste Zeit, denn ich brauche nach Wochen der Krankheit dringend medizinische Versorgung. Es ist hart, bis dorthin zu gelangen und als ich endlich ankomme breche ich zusammen und schlafe bzw. raste für zwei ganze Tage in einer der Jurten. Ich bekomme mit, dass andere Fahrer kommen und wieder gehen, während mein Körper krampft und sich windet. Am sechsten Renntag kommt meine Freundin Philippa zum Kontrollpunkt, mir geht es besser und so entscheide ich mich zusammen mit ihr weiter zu machen. Gemeinsam rollen wir los und sammeln unterwegs gleich Rickie Cotter ein. Ein besseres Finale dieses Rennens kann ich mir nicht wünschen. Ein gemeinsames Erlebnis von Freunden, die sich gegenseitig motivieren und helfen. Mittags machen wir lange Pausen, stellen unser Zelt auf, unterhalten uns über allerlei Unsinn und teilen unser Essen. Mir geht es immer noch nicht gut und ich muss mich immer wieder ausruhen, aber in der Gesellschaft von Freunden fühlt sich das wesentlich geborgener und sicherer an als alleine. Genau das, was ich jetzt brauche. Gemeinsam lachend durch die Wildnis ziehen.


Und so endet die Geschichte von meinem Silk Road Mountain Race 2018: Drei Freundinnen, die sich gemeinsam müde und glücklich zur Finisher-Party im Nirgendwo von Kirgistan schleppen. Naja, fast. Nelson Trees hat die Finisher Party des Silk Road Mountain Race zeitgleich mit den World Nomad Games geplant. So erfahren die Teilnehmer nochmal die geballte kulturelle Vielfältigkeit dieses fantastischen Landes und seiner Einwohner, an denen sie Stunden zuvor noch im Renntempo vorbei gezogen sind.”


Hier kannst du dir Lee’s Route durch Kirgisistan anschauen: https://www.komoot.com/user/532193254039

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