Erkundungsfahrt auf der Route des Atlas Mountain Race

Inspiriert von der offiziellen Route des Atlas Mountain Race, zog es vier unerschrockene Radfahrer nach Marokko, wo sie das Jahr 2020 mit einer Bikepacking-Tour begrüßen wollten. Claire, Neil, Natalia und Petra sind alle Teil der internationalen Fahrradabenteuer-Community und lernten sich so kennen. Weil alle gerade eine Lücke in ihrem Terminplan hatten und außerdem Lust auf ein neues Abenteuer, nahmen sie gemeinsam die Route des Atlas Mountain Race 2020 ins Visier.

Die Sieben-Tage-Tour mit komoot führte sie über 777 Kilometer von Marrakesch nach Issafn, abwechselnd auf und abseits der offiziellen Atlas-Mountain-Race-Route. Die fantastischen Bilder, die sie von der Fahrt mitbrachten, zeigen, wie spektakulär die Landschaft ist. Und ihre Anekdoten von unterwegs beweisen, das Marokko ein großartiges Ziel für abenteuerlustige Radfahrerinnen und Radfahrer ist – und eine ganz besondere Kulisse für ein Self-Supported-Bikepacking-Rennen noch dazu.

Straßenverhältnisse so bunt wie ein Sonnenuntergang in der Wüste

Als die Gruppe uns gemeinsam von ihrer Route in Marokko berichteten, waren ihre Beschreibungen so bunt wie die Sonnenuntergänge im Land. „Technischer Singletrail“, „super schöne Schotterabfahrt“, „gemischte Erd-, Schotter- und Felsstraße“, „staubig, heiß und schnell“, „trockenes Flussbett“, „Serpentinenaufstieg“. Ihre Marokko-Route schien wirklich alles geboten zu haben.

Am ersten Tag fuhren sie auf Radwegen aus Marrakesch heraus, die schon bald in ruhigere Nebenstraßen übergingen, wo die Fahrradinfrastruktur verschwand und mit ihr der Verkehr. Es war ein flüssiges Fahren über festes Erdreich und Schotter durch erstaunlich grünes Ackerland, nur unterbrochen von kurzen, scharfen Anstiegen.

Später wechselte die Landschaft häufiger: sie fuhren durch kleine Berberdörfer, trugen ihre Räder steile Tragepassagen hoch und rollten entspannt die Schotterstraßen hinunter, während der Sonnenuntergang die Wüste in rote Farbe tauchte. Sie fuhren auf einer Straße aus halb Lehm und halb Beton über einen Wüstenkamm, von wo aus sie im Tal die rauhen Felsen sehen konnten, welche die Oase Fint von der Umgebung abgrenzen. Und auf dem Weg zu ihrer Unterkunft für die Nacht legten sie sogar noch eine Flussdurchquerung ein. 

Auch wenn die Landschaft sich oft über weite Strecken kaum veränderte – zum Beispiel auf einem 30 Kilometer langen Stück unvollendeter Schotterstraße – war sie doch fesselnd genug, sie abzulenken. Aber auch so wird das Bikepacking auf den weniger befahrenen Straßen Marokkos nie langweilig, denn, wie wir alle wissen, bieten Pannen unterwegs immer wieder Stoff für interessante Geschichten …

Marokkanische Techniktaufe

Es hatte schon fast den Anschein eines Initiationsritus: Eine ordentliche Fahrradpanne gehört zum Bikepacking in Marokko wie die Äquatortaufe zum Segeln auf dem Meer. Und alle in der Gruppe, Claire, Neil, Petra, und Natalia hatten mindestens eine.

An Tag zwei, zwischen Telouet und Skoura, bemerkte die Gruppe, dass sie Natalia verloren hatten. Nach elf Kilometern Fahrt über ein spektakuläres Hochplateau ging es eine steile, felsige Abfahrt hinunter. Neil hielt an, um ein paar Fotos von den Vorausfahrenden zu machen und wartete auf Natalia, um sie im Vorbeifahren zu fotografieren. Nach fünf Minuten Warten in der heißen Sonne – die Vorausfahrenden waren schon nicht mehr zu sehen – beschloss er, zurück nach oben zu fahren, um zu sehen, was los war. Als er Natalia sah, schob sie ihr Rad. Ihr schlauchloser Reifen hatte die Luft verloren und sie schaffte es nicht, ihn wieder aufzupumpen. Mit ein wenig Minipumpen-Magie schafften sie es schließlich doch und der Reifen schien zu halten.

Später am Tag, nach einem weiteren steilen Anstieg, brauchte der nervige Reifen schon wieder Luft. Und nach der folgenden rasanten Abfahrt war klar, dass eine nachhaltige Reparatur nötig war. Der Boxenstopp fand vor einem Berberhaus statt. Die freundlichen Bewohner brachten Tee und ein Schlauch wurde eingezogen, der für den größten Teil der Tour halten sollte. Es war nicht die letzte Panne für Natalia: An Tag sechs ging auf dem Weg nach Tagmout ihr hinterer Umwerfer kaputt und sie musste sich die letzten 30 Kilometer bis zum Ziel mit Hilfe der anderen durchschleppen.

Ein anderer denkwürdiger Materialausfall ereignete sich an Tag vier. Zwei Kilometer außerhalb der Fint Oase blieb Claire dabei buchstäblich an ihrem Rad hängen. An einer Schuhplatte hatte sich eine Schraube gelöst, weshalb sie den Schuh nicht mehr aus ihren Klickpedalen herausdrehen konnte. Sie musste also erst ihren Fuß aus dem Schuh befreien, bevor die anderen ihn mit zusätzlicher Hebelkraft aus dem Pedal lösen konnten. Was folgte, war eine eher unkoordinierte Suche nach einer Ersatzschraube, unterbrochen von allgemeiner Albernheit und Fotografieren. Am Ende fand sich eine Ersatzschraube an Claires eigenem Rad, die im Gegenzug durch eine von Natalias Rad ersetzt werden konnte, wo sie nicht gebraucht wurde. Und irgendwann waren sie wieder unterwegs.

Auch Neil bekam seinen gerechten Anteil an Pannen ab. Die erste war ein gebrochener Sattel – sein treuer Arione riss genau in der Mitte durch – und sorgte dafür, dass sein Rückgrat auf dem holprigen marokkanischen Schotter ordentlich durchgeschüttelt wurde. Die zweite war ein Schaden am hinteren Schaltwerk, das eine lange Strecke im Single-Speed-Modus und eine anschließende Busfahrt als Konsequenz nach sich zog. 

Als letztes Mitglied der Gruppe erlebte auch Petra einen Rückschlag: An Morgen von Tag fünf stürzte sie auf der Fahrt aus Tamskrout heraus. Die Rippenprellungen und die zerissene Jacke gingen dabei zwar nicht direkt auf das Konto der Technik, aber sie hatten auf jeden Fall mit dem Radfahren zu tun.

Auf den abgelegenen Straßen Marokkos kann also alles passieren. Und da das Atlas Mountain Race self-supported ist, sollten alle, die teilnehmen, auf alles vorbereitet sein. Zum Glück konnten sich Petra, Natalia, Neil und Claire aufeinander verlassen und dazu noch auf die Wärme, die Neugier und die begeisterte Gastfreundschaft der marokkanischen Bevölkerung, auf die sie unterwegs trafen.

Wo Minztee die Kulturen verbindet

Normalerweise gehört Tee nicht zu den Bestandteilen, die eine gelungene Bikepacking-Tour ausmachen. Auf der Atlas-Mountain-Race-Erkundungsfahrt zog er sich jedoch wie ein roter Faden durch die vielen Gesten der Gastfreundschaft der warmherzigen und neugierigen Einheimischen.

Die Gruppe hielt oft an kleinen Cafés, wo sie zuerst Vorräte für das Mittagessen kauften (Sardinen standen ganz oben auf dem Speiseplan). Danach setzten sie sich meist noch an einen Tisch am Straßenrand, um auszuruhen und Tee zu trinken. Dort zogen sie unweigerlich die Aufmerksamkeit der örtlichen Streunerkatzen auf sich. Und die der Kinder, die sich, internationalen Kindergesetzen folgend, erst um sie herum versammelten, sie dann schamlos anstarrten um dann irgendwann wild zu kichern.

Es waren aber nicht nur Kinder und Katzen, die sich von den vier Menschen im Lycra-Outfit angezogen fühlten. Auch Erwachsene zeigten Interesse. Schon ganz zu Beginn ihrer Fahrt trafen sie auf Hussain, einen Berber, der sie zum Tee bei seiner Familie einlud. Dort teilten sie Brot, Nüsse und Minztee mit den Familienältesten und Hussain, während die versammelten Cousins, und Kinder zuschauten. 

Neil erinnert sich: „Das war wirklich schön. Die Familie war so offen und freundlich. Und aufrichtig an uns interessiert. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sie uns geglaubt haben, als wir in gebrochenem Französisch erzählten, dass im Februar 200 Leute beim Atlas Mountain Race 2020 auf Fahrrädern durch ihre Vorgärten rasen würden.“

Die Einheimischen waren nicht nur freundlich, sondern auch äußerst hilfsbereit. Schon bei der Einfahrt nach Tamskrout war klar, dass es schwer sein würde, einen Platz zum Übernachten zu finden. Sie gingen also erst mal in ein kleines Café, um etwas zu essen und einen Plan auszuarbeiten …

„Und genau da tauchte ein berberischer Mann mit einem Master in Englischer Literatur auf und machte sich daran, alle unsere Probleme zu lösen. Er bestellte Essen, arrangierte mit dem Besitzer des Cafés eine Unterkunft im Wohnzimmer der Familie und rief sogar den Besitzer der Unterkunft für den nächsten Tag an, um im Voraus zu reservieren. Wir konnten nur noch Staunen über die Großzügigkeit der Menschen des Berbervolks. Und satt von Tee, Berber-Omelett und Schokolade machten wir uns auf in unsere Behelfsbetten in der hübschen orangefarbenen Stube des Café-Besitzers.“ 

In Marokko gehört die Straße den Ziegen (und den Schafen und Eseln)

Nutz- und Haustiere sind fester Bestandteil Marokkos, das merkten die Reisenden schnell, zum Beispiel als sie von einem Berbertaxi überholt wurden (ein Esel, in diesem Fall mit einem älteren Berber auf dem Rücken) oder wegen einer übergriffigen Herde weidender Schafe von ihrem Picknickplatz fliehen mussten. Glücklicherweise war auch der Großteil der Verkehrsstörungen vierbeiniger Art.

Im Allgemeinen war aber auch der „klassische“ Verkehr kein Problem. Selbst auf den großen Straßen im Atlas gibt es kaum Probleme mit dem Verkehr oder mit schlechter Fahrweise. Die Fahrer sind meist zuvorkommend gegenüber Radfahrenden und es gibt so wenig Verkehr, dass auf der Straße eigentlich immer genug Platz für alle ist. Die Lastwagenfahrer waren erstaunlich höflich und hielten sogar manchmal an, wenn die Gruppe sie auf einer staubigen Schotterstraße überholte.

Als größte Gefahr stellten sich die Sterne heraus – und die Ziegen. Im Atlasgebirge wird es schnell dunkel und wenn man das Frontlicht ausschaltet, hat man eine unglaubliche Sicht auf die Sterne: Satelliten, Orion, die Milchstraße – alle zum Greifen nah. Aber beim Fahren im Dunkeln mussten sie gut aufpassen, denn, anders als in Europa, hatten die robusten, pelzigen Ziegen, die sich an einem Abend auf der Straße breit machten, keine Glocken um den Hals – was sie ganz schwierig zu entdecken machte.

Eine andere Gefahr sind Hütehunde, wobei diese mit etwas Erfahrung weniger gefährlich werden. Neil sagt: „Sie sind sehr schön, sehr gut gepflegt und gehorchen den Befehlen ihrer Besitzer. Sie bellen laut und sie jagen, aber nach unserer Erfahrung hielten sie immer einen gebührenden Abstand zu Radfahrern und versuchten auch nie, sich uns zu nähern oder zu beißen. Sie begnügten sich damit, „uns zu verabschieden“. Sobald wir das erkannt hatten, war das für uns eine ziemlich beruhigende Position.

Das Atlas Mountain Race 2020

Die Idee von Claire, Natalia, Petra und Neil war es, einen Vorgeschmack darauf zu bekommen, was die Teilnehmenden beim AMR erwarten wird. An einigen Stellen wichen sie auf ihrer Erkundungsfahrt von der offiziellen Route ab, was vor allem mit dem Angebot an Verpflegung und ähnlichen Dienstleistungen zu tun hatte. Aber über ein paar Dinge konnten sie sich auf ihrem Abenteuer definitiv Gewissheit verschaffen: die Landschaft ist atemberaubend, die Route abwechslungsreich und das Fahren kann durchaus zur Herausforderung werden.

Nachdem sie einige Tage lang abwechselnd auf und abseits des AMR2020-Tracks gefahren waren, kehrten sie am Tag sieben auf die offizielle AMR-Route von Tagmout nach Issafn zurück – und damit auf die raue Fahrbahn einer Straße aus der französischen Kolonialzeit. In ihren Beschreibungen fasst die Gruppe die Schönheit und die Härte der Strecke perfekt zusammen und damit auch das, worum es beim AMR geht:

„Der Anstieg ist wunderbar, sanft und gut ausgebaut, aber die Zeit hat deutliche Spuren (in der Wegoberfläche) hinterlassen. Die Oberfläche ist felsig und voller loser Steine, sowohl von den Stützmauern, als auch vom Berg selbst, und das macht die Fahrt ziemlich anstrengend. Dort, wo die Straße Wasserläufe überquert ist sie manchmal vom Wasser völlig zerstört und weiter oben gibt es einige Tragestücke, an denen Brücken weggewaschen oder Straßen im Lauf der Zeit eingebrochen sind.“ 

Aber zwischen all den Anstrengungen warten immer wieder Belohnungen: „Weiter oben am Anstieg bieten sich von allen Seiten spektakuläre Ausblicke auf die Straße, wie sie sich in die Berge schneidet. Der Blick auf die Vorausfahrenden in ausgesetzten Kurven mit der riesigen Sandsteinkulisse im Hintergrund ist atemberaubend.“

Das Atlas Mountain Race wird mit Sicherheit ein „episches“ Ereignis und bietet, wie du bei den Vieren gesehen hast, jede Menge Inspirationen für deine eigene Bikepacking-Tour nach Marokko.

Die einzelnen Tagesrouten kannst du dir  in der Collection ansehen, die Neil, Natalia, Claire, und Petra hier zusammengestellt haben.

Die Collection mit der offiziellen Route des Atlas Mountain Race findest du hier. Das Rennen startet am Samstag, den 15. Februar 2020.

Inhalte und Fotos von Neil Davey, Petra Dolejsova, Claire Frecknall und Natalia Pasierska.

Diese Fahrerinnen und Fahrer werden auch ihre eigenen Routen vom Atlas Mountain Race bei komoot veröffentlichen. Du kannst ihnen hier folgen:

6 Comments

Kommentieren
  1. Ulrike Dietrich sagt:

    Super!!! Der Weg ist das Ziel.

  2. Tanja sagt:

    Was für eine spannende und abenteuerliche Aktion, gespickt mit wunderbaren Erfahrungen und tollen Landschaften!

  3. Giesela Breuer sagt:

    Hallo ihr Radfahrer. Das war ja eine Anstrengende Tour.
    Also wenn ich noch jung wäre würde ich das auch machen Man hört immer wieder das in fremden Ländern die Menschen hilfsbereit sind .Ich wünsche euch viel Spaß bei den nächsten Touren

  4. María berndt sagt:

    Ja , sehr schön, und wenn ich mitfahren möchte geht das genau wie?
    Liebe Grüße María

  5. Sven sagt:

    Sieht und liest sich toll 🙂

  6. Ich finde solche Touren sehr interessant und abenteuerlich und es gehört schon eine gewisse Fitness und Mut dazu,solche Strecken zu fahren.
    Das größte Hindernis wäre für mich allerdings die Verständigung.
    Ich wünsche allen Teilnehmern viel Glück,keinen Rahmen-oder Beinbruch und immer eine Hand breit Luft im Reifen.

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