Die wahre Essenz des Radsports: Eine Nachbesprechung zur Torino-Nice-Rally

„Um eines gleich vorweg zu nehmen“, sagt James Olsen, der Organisator der Rally, „die Torino-Nice-Rally ist kein Rennen. Es gibt kein Timing, keine Teilnehmerlisten oder irgendetwas in der Art.“ Stattdessen geht es darum, dass Gleichgesinnte mit dem Fahrrad gemeinsam auf Entdeckung gehen.

Die Idee entstand, wie viele andere Ideen, auf einer Radtour. Im Jahr 2015 bepackten James und ein Freund ihre Fahrräder und machten sich auf eine Reise von Turin nach Nizza. Sie skizzierten ein paar Routen auf ihren Karten und GPS-Geräten, damit sie auf dem Weg verschiedene Gegenden erkunden konnten. Ihre Originalroute kombinierte Straßen und Schotterwege. So konnten sie sich auf der Fahrt unterhalten, die Aussichten genießen und ausspannen. Diese Streckenkombination stieß in der Radsportgemeinde auf großes Interesse und so dauerte es nicht lange, bis James beschloss, die Torino-Nice-Rally zu einem offiziellen Kalenderereignis zu machen.

Der Kerngedanke der ursprünglichen Fahrt war es, die Freiheit des Tourenfahrens auf den unterschiedlichsten Arten von Wegen zu genießen. Die offizielle Veranstaltung will diesen Gedanken des gemeinsamen Entdeckens zusammen mit Gleichgesinnten weiter fördern.

Wie sieht also so eine Veranstaltung heute aus? Wie der Name sagt, ist die Grundidee die, von Turin in Italien nach Nizza in Frankreich zu fahren. Laut Website umfasst die Strecke rund 485 Kilometer Asphalt, die bis auf eine Höhe von 2750 Meter reichen, und führt über zwei Pässe der Grand Tour. Dazu fährt man 240 Kilometer über steinige Militärschotterpisten entlang der italienisch-französischen Grenze, viele davon in einer Höhe von über 2000 Metern. Was diese Rally so besonders macht – abgesehen von der Landschaft, bei der einem beinahe die Augen aus dem Kopf fallen – ist die Tatsache, dass die Veranstalter verschieden Routenoptionen anbieten. Das macht die Planung zwar etwas komplexer, wie James zugibt, aber das ist es auf jeden Fall wert. 

„Damit die ganze Route gut funktioniert, war viel Kartenrecherche nötig und eine gute Kenntnis der Gegend. Einige Täler lassen sich nicht so einfach verbinden, außer man hat ein Mountainbike für die Abfahrten und Bergschuhe für die Aufstiege dabei. Weil die Route über ruhigere Straßen und über Wege führen sollte, die zum Befahren mit dem Touren- oder Gravelrad okay sind, passten manche Gebiete eben nicht so gut hinein wie andere.“ Für Abenteuerlustige gibt es trotzdem einiges zu entdecken: das Susa-Tal etwa und das Tal der Clarée oder die ganze Gegend entlang des Valle Maira (Mairatal). Und auch für die Landschaften in Richtung Molini, die Triora und die hochgelegene Strada dell’Assietta lohnt es sich, die Strecke anzupassen. Auch alternative Zielankünfte im Tal der Vésubie sind möglich. Deshalb bin ich auch schon so oft in diesem Korridor entlang der französisch-italienischen Grenze gewesen, und deshalb nehmen sich auch viele TNR-Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausreichend Zeit, um die Strecke zu absolvieren.“

Angesichts der Menge an Routenoptionen, die zur Auswahl stehen, haben wir James gefragt, ob es bestimmte Routen gibt, die auffällig beliebt sind. Tatsächlich ist die „Vallon d’Elva“, auch „Death Road” genannte Route, trotz ihres Namens eine der beliebtesten Abkürzungsrouten auf der Strecke. Einerseits, weil sie über eine beeindruckende Straße führt, andererseits, weil die alternativen Wegführungen für dünnbereifte Räder ziemlich hart sind. Bei den längeren Abschnitten ist die Via del Sale sehr beliebt, einfach, weil sie eine der schönsten Straßen der Alpen ist.”

Abgesehen von den populären Routenoptionen ist James noch etwas aufgefallen: ”Ich bin immer wieder überrascht darüber, wie viele Leute die „Rough Stuff”-Routen nehmen.“ sagte er. „Sie enthalten teilweise lange und schwere Tragepassagen, aber genau die können das Abenteuer bereichern. Sie geben Gelegenheit zu einen Tempowechsel, langsamer zu werden oder anzuhalten und viel öfter die Aussicht in sich aufzusaugen. Es sind nicht die meistgenutzten Abschnitte, aber sie werden von mehr Leuten gewählt, als ich erwartet hatte.“

Es scheint, als schreckten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der TNR vor keiner Herausforderung zurück. Und das ist gut, denn einige lassen sich einfach nicht vermeiden: schlechtes Wetter zum Beispiel. James erinnert sich, dass ein Highlight seiner eigenen Fahrt ein verregneter Tag war: „In der ersten Nacht zelteten oder biwakierten ungefähr 15 von uns nahe am Fuß der Strecke hoch zum Colle delle Finestre. Bei Tagesanbruch wachte ich in meinem Biwaksack auf und stellte fest, dass es regnete. Ein früher Start war also meine einzige Wahl. Der Regen ließ auch den Rest des Tages nicht nach. Weiter oben am Berg, im kalten Nieselregen, traf ich ein paar Fahrer und wir fuhren zusammen weiter und plauderten dabei, als wären wir auf einer ganz normalen Sonntagsrunde – das war toll. Alle, die ich an diesem Tag traf, waren bester Laune – wenn auch ein bisschen verfroren. Am Abend traf ich in der Gîte, die mir die P.C.C-Crew empfohlen hatte, zufällig einen Freund, hatte ein gutes Abendessen mit noch einem anderen, und am nächsten Morgen lag der Col Agnel in strahlendem Sonnenschein und Neuschnee gehüllt vor mir – wunderschön. Das waren tolle 24 Stunden, trotz des Wetters.”

James scheint nicht nur ziemlich gut darin zu sein, seine Erlebnisse bei allen Wetterbedingungen zu genießen, er hegt auch eine tiefe Liebe zur Einfachheit des Radfahrens. Die zeigt sich, als wir ihn fragen, ob er noch etwas hinzufügen möchte. Ihm fielen ein paar Dinge ein, aber am aufschlussreichsten war wohl seine Sicht auf die Fahrradindustrie und darauf, was eine gelungene Tour mit dem Rad wirklich ausmacht: „Nutz das, was du hast und erleb die Dinge, die wichtiger sind als Gänge und Carbonzeug: die Menschen und die Orte, die glücklichen Begegnungen genau wie das Alleinsein.

Die Torino-Nice-Rally zelebriert den Radsport. Weil die Wege auf der Route so unterschiedlich sind, ist es unmöglich, für jeden Meter das perfekte Rad, die perfekten Reifen oder die perfekte Ausrüstung zu haben. Aber man hat trotzdem Spaß dabei – und genau darum geht es.

Alle Details findest du in der komoot Collection.

Fotos © Torino Nice Rally

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