Bikepacking durch England: vom tiefsten bis zum höchsten Punkt

Vier Tage Bikepacking-Abenteuer vom Holme Fenn, dem tiefsten Punkt Englands zum Scafell Pike, dem höchsten.

Ich fahre geduckt, mit dem Kopf unten und sehe, wie die weißen Linien immer langsamer unter meinen Reifen vorbeiziehen. Wir nähern uns der 100-Kilometer-Marke für diesen Tag. Den losen Schotterweg habe ich hinter mir gelassen, aber ich selbst liege immer weiter hinter unserer Gruppe zurück. Gerade haben wir den Malham Dale in North Yorkshire überquert, den höchsten Punkt unserer morgendlichen Fahrt, bevor es hinunter geht nach Ribblesdale. Als wir die Straße erreichen, bin ich froh, dass es wieder bergab geht. Voller Dankbarkeit für die mühelose Geschwindigkeit und für den glatten Asphalt unter meinen Reifen, spüre ich, wie meine Muskeln die letzten Glykogenreste freigeben.

Die Idee

In der Kartographie schauen immer alle auf die höchsten Punkte. Aber wo ist der tiefste Punkt Englands? Das weiß natürlich keiner von uns. Er liegt im Krater eines ehemaligen Sees im flachen Ackerland von East Anglia, stellt sich heraus, ein paar Kilometer südlich von Peterborough. Und so ergab sich der Grundgedanke unserer Tour: auf landschaftlich schönen Strecken vom tiefsten zum höchsten Punkt Englands fahren.

Die Tage wurden schon sichtbar kürzer, morgens wurde es schon kalt und von den Bäumen fielen schon die erste Blätter: Wie konnte man besser den Wechsel der Jahreszeit willkommen heißen als beim Schlafen unter freiem Himmel. Also, raus aus der Stadt, denn ganz oben auf unserer Wunschliste standen schmale Schotterwege, Bergpässe und wilde Biwakplätze.

Unsere Route planten wir ganz sorgfältig in komoot mit einer Mischung aus Mountainbike-, Gravel-, Radtouren- und klassischen Rennradabschnitten. Schon bald hatten wir die Grundlage für unsere Viertagestour: Von den sumpfigen, tiefgelegenen Fenlands mit dem tiefsten Punkt, dem Holme Fen, zum Scafell Pike, dem höchsten Gipfel Englands.

Die Fenlands

Der Start verlief eher stockend. Nach einer langen Autofahrt bei dem einen und einer Reihe ausgefallener Züge beim anderen trafen River und ich uns irgendwann doch in Peterborough. Ein paar Einstellungen an den Rädern und an der Ausrüstung waren noch nötig, und Proviant für einen Tag musste noch besorgt werden, aber dann konnte es losgehen. Nur ein paar Kilometer südlich würden wir bis auf vier Meter unter dem Meeresspiegel abfahren, mitten ins Holme Fen Naturschutzgebiet.

Vor ein paar hundert Jahren lag hier noch das Whittlesea Mere, der größte See Südenglands mit seiner ganz eigenen Tierwelt, unter anderem dem großen Feuerfalter. 1851 wurde der See trockengelegt, um Ackerland zu schaffen. Aber auch, wenn die Umgebung heute eine Mischung aus Vororten und Ackerland ist, bleibt das Gebiet doch eine sumpfige Wildnis, in der ruppige Pfade sich durch den Wald schlängeln. Zwischen dem Rattern vorbeifahrender Güterzüge dominiert Vogelgezwitscher den Klang der Umgebung. Aber der große Feuerfalter kam nie zurück.

Wir spürten jeden Atemzug im anhaltenden Gegenwind, als wir aus dem Becken heraus durch das flache, exponierte Ackerland von East Anglia fuhren. Wir wechselten uns ab, um uns gegenseitig Schutz vor dem Gegenwind zu geben, bis wir am Ende die Grenze zu Lincolnshire überquerten.

Weil wir erst am späten Nachmittag los sind, setzte schon bald die Dämmerung ein und der Boden wurde vom herabfallenden Tau immer feuchter, als wir am Ufer des Rutland Water ankamen, dem größten Stausee Englands, der vom River Nene und vom River Welland gespeist wird.

Unter Riesen

Gleich westlich des Rutland Water versorgte uns der hübsche Marktflecken Oakham im Schatten seines Schlosses aus dem 12. Jahrhundert mit morgendlichem Kaffee und Verpflegung. Ganz weit schienen von hier die flachen, exponierten Straßen der Fenlands, als wir uns über knackige Aufstiege und Abfahrten auf und ab über die Kalksteinhügel schlängelten, vorbei an idyllischen Dörfchen und imposanten normannischen Burgen. 

Im goldenen Nachmittagslicht erreichten wir die hohen Kiefern des Sherwood Forest, wo wir Rob von komoot trafen, der uns für die nächsten paar Tage begleiten wollte. Das Timing hätte nicht besser sein können: Nachdem wir so viele Kilometer auf ausdruckslosen Straßen und Wegen unterwegs waren, brachte ein Wechsel der Landschaft und die neue Dynamik eines zusätzlichen Fahrers neue Kraft in unsere müden Beine. Nach knapp 90 Kilometern waren unsere Beine schwer und die Gedanken träge, aber die staubigen, kurvigen Singletrails und die zusätzliche frische Energie in der Gruppe setzten bei uns die Endorphine frei und wir testeten die Geländegängigkeit unserer Gravel-Bikes voll aus.

Je weiter wir uns nach Norden bewegten, desto mehr verdunkelte sich der Himmel. Und während wir über die Grenze von Nottinghamshire nach South Yorkshire fuhren und den Yorkshire Sculpture Park mit seiner Sammlung riesiger Kunstwerke durchquerten, wurde aus Regenwahrscheinlichkeit ein sintflutartigen Wolkenbruch.

Die Wasserwege des Nordens

Die letzten Reste des goldenen Abendlichts drohten schon hinter den Hügeln zu verschwinden, als wir vom Oberlauf des Chesterfield Canal zwischen Maisfeldern und Mähdreschern bergaufwärts fuhren. Aber für einen ungestörten Platz zum Campen schienen uns die Lichter der Stadt noch zu nah. Also schauten wir nach, wie viel von unserer Route für den Abend noch übrig war und waren uns schnell einig, dass der Ulley-Stausee das naheliegende Ziel war. Wir besorgten noch Vorräte für die Nacht, fügten in der App den Stausee zu unserer Route hinzu und fuhren weiter. Mit einer kleinen Flasche feinsten Glenfiddichs und einem vollen Tag Radfahren in den Beinen würden wir sicher gut schlafen können, trotz der Nähe zu Sheffield und Rotherham.

Der Gegensatz hätte nicht größer sein können, als zwischen unserem beschaulichen Biwakplatz und dem Verkehr im Zentrum von Rotherham, durch das unser Trio am nächsten Morgen fahren musste. Unser Weg führte uns weiter an den Industriezentren South Yorkshires vorbei, bevor wir an den Leeds and Liverpool Canal kamen. Dieser längste Kanal Großbritanniens wurde im 18. Jahrhundert gebaut und sollte den Handel zwischen den wachsenden Städten Yorkshires fördern. Uns beförderten die sanft ansteigenden Wege an seinem Rand schnell über die südlichen Pennines bis zum Rand der Yorkshire Dales.

God’s Own Country 

Kaum hatten wir den Kanal verlassen, stand auch schon der erste richtige Anstieg unserer Tour an – obwohl wir ja theoretisch seit unserer Abfahrt vom Holme Fen stetig aufwärts gefahren sind. Wir ließen die alten Mühlengebäude von Silsden und den Kies der Treidelpfade hinter uns und tauschten sie ein gegen hügelige Straßen, gesäumt von Natursteinmauern, und den weiten Blick auf den Yorkshire Dales Nationalpark. Ab hier prägten Schafsköttel den Rest des Nachmittags. Während wir am Ende dieser ordentlichen Tagesfahrt die Mischung aus getrockneten Schlamm, Kot und Staub von unseren Wasserflaschen kratzten fühlten wir uns wie Statisten in der Indiana-Jones-Interpretation eines Dorftheaters.

Als das Licht immer weniger von der Straße vor uns erkennen ließ, passierten wir die Wälder um Bolton Abbey und erreichten das Ufer des River Wharve, wo wir unser Lager aufschlagen wollten. Beim Abstieg durch den Wald über die steilen felsigen Wege reichten wir einander unsere Räder weiter.

Draußen schlafen, in der Natur, die Aussicht auf ein Feuer und etwas warmes zu Essen am Ende eines Tages: Mehr Gründe braucht es nicht für eine Fahrradtour. Hier bot auch noch eine großblättrige Eiche ausreichend Schutz vor herabfallendem Tau. Die teilweise verfallenen Natursteinmauern und Fundamente hinter uns deuteten darauf hin, dass es in der Vergangenheit hier viel Ackerbau gab. Wir bliesen unsere Luftmatratzen auf und legten unsere Schlafsäcke für die Nacht heraus. Zwischen vereinzelten Wolken und dem dunklen Himmel unserer ländlichen Umgebung bekamen wir flüchtige Einblicke in das, was von den Meteoritenschauern der Perseiden übrig ist.

Am nächsten Morgen wachte ich von einem warmen Atem auf meiner Stirn auf: Ein Hund schnüffelte um unsere Biwaksäcke, von denen zwei, inklusive meinem, noch belegt waren. Langsam standen wir auf, sammelten unsere Ausrüstung zusammen und dachten daran, das Ultra-Ausdauersportler so etwas tagein, tagaus tun. Eine Weile später beobachteten wir still, wie zwei Hirsche in die kalte Strömung des Flusses vorstießen, und versuchten, ihn zu überqueren. Das war es, was was wir hier draußen gesucht hatten.

In Großbritannien ist das Wegerecht klar geregelt. Und so ist auf den „Public Bridleways“ (öffentliche Reitwege) das Radfahren zwar erlaubt, aber weder Behörden noch Grundeigentümer sind verpflichtet, sie in einem zum Radfahren geeigneten Zustand zu halten. Die Bridleways, vorbei an Kalksteinfelsen, Höhlen und steinernen Ruinen, denen wir auf unserem Weg durch den Yorkshire Dales Nationalpark folgten, waren jedenfalls wie gemacht für unsere abenteuersuchenden Gravelbikes. Und so kamen wir entlang kilometerlanger Natursteinmauern auf losem Schotter und grasbewachsenen Bridleways über die Hügel der „Dales“ langsam aber zunehmend voran.

Auf dem Weg nach Nordwesten waren am Horizont schon die Berge des Lake District zu erkennen und auf der Abfahrt von den Yorkshire Dales lagen die berüchtigten Cumbria Mountains schon direkt vor uns.

Die Lakeland Fells

Nachdem wir die schlammigen Moorwege hinter uns gelassen hatten, kamen wir auf dem schnellem, kurvenreich abfallenden Asphalt ganz schnell nach Kendal, wo Rob uns verlassen sollte.

Die letzten zehn Kilometer flogen wir regelrecht zur Hawkshead Jugendherberge, wo wir Betten für die Nacht reserviert hatten.

Die Gipfel rund um Lake Windermere sorgten für einen frühen Sonnenuntergang als wir weiter nach Cumbria vordrangen, während hinter uns das Hochland der Dales in goldenem Licht badete. Wir kamen gerade noch rechtzeitig an, nur wenige Minuten, bevor die Küche geschlossen wurde, und machten es uns bequem. Holme Fen war jetzt wirklich schon ganz weit südlich, stellten wir fest, als wir bei ein paar IPAs aus örtlicher Produktion die diagonale Linie betrachteten, die wir auf der Karte hinterlassen hatten.

Mit schmerzenden Knien und dehydrierten Körpern wachten wir mit unserem Fünf-Uhr-Wecker auf, um unsere Fahrradtaschen zu packen und die letzte Chance auf landschaftlich schöne Offroad-Trails zu nutzen, bevor wir uns wieder auf den langen Weg zurück nach Süden machen mussten. Der einzige Zug mit einem Anschluss nach London ging um zwei Uhr nachmittags von Kendal, also wollten wir das Beste aus unserem Morgen in der Natur machen.

Aber mit beladenen Rädern auf dem Rücken den Wettstreit gegen Wanderer um den beliebtesten Gipfel der Region aufzunehmen (den Scafell Pike) schien uns weniger verlockend, als ein paar Erkundungen in der Umgebung. Wir entschieden wir uns dafür, ein paar ruhigere Trails in der Nähe abzufahren.

Und so fuhren wir los: die Sonne war kaum aufgegangen, über dem Tal zwischen dem See und dem Gipfel lag noch tief der Nebel, die Morgenkälte wickelte sich um unsere Knie und stach in unsere Knöchel. Über rutschige Schieferwege mit Blick auf die umliegenden Berge fuhren wir hinunter zum Fuß des höchsten Bergs Englands, wo wir einen Sprung in das eisige Wasser des tiefsten natürlichen Sees des Landes wagen wollten (74 Meter an der tiefsten Stelle).

Wir sind auf dieser Reise im Zickzack durch England gefahren und haben dabei in kurzer Zeit die unterschiedlichsten Landschaften durchquert: Tieflandwälder, Großstadtvororte, Reste industrieller Vergangenheit, hügelig-ländliches Ackerland, das Hochland von North Yorkshire und schließlich das epische Drama des Lake District.

Bei jedem Umstieg auf der Bahnreise nach Hause wurden wir gefragt, wo wir waren, was wir gemacht haben und warum. Was auch immer unsere Gründe waren, das Brennen in unseren vom Wind verbrannten Wangen, die spröden Lippen und die erschöpften Körper waren es Wert im Austausch für das echte Abenteuer, das wir erleben durften und das kalte Bier, das wir jetzt in unseren Händen halten.

Alle Details findest du in der komoot Collection: https://www.komoot.com/user/base

Text von Chris Hunt, fotos von River Thompson

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