Audax – von langen Distanzen, viel Kaffee, Leid und Freude

Wir kennen sie alle, die großen Radrennen dieser Welt, Pro-Athleten die sich heroisch durch die Tour de France kämpfen oder sich in den Belgian Spring Classics die Ehre geben. Auf der Amateurseite finden sich die Rennradfahrer meistens in Jedermannrennen – Gran Fondos – wieder. Herausforderungen, die oft lange Tage im Sattel bedeuten mit einem riesigen Starterfeld an Menschen, die diese Leidenschaft teilen, genau wie das Leid bei langen Anstiegen inmitten herrlicher Landschaft. Und dann gibt es noch das “Randonneuring”. In England, Australien und Brasilien als Audax bekannt. Einfach übersetzt bedeutet es Radwandern. Aber das beschreibt einen Audax bei weitem nicht.

Audaxes sind etwas für die Entdecker unter den Radfahrern, jene, die etwas abenteuerlicher veranlagt sind und gerne ihre Grenzen testen. Jene, die auch Distanzen in Angriff nehmen, vor denen die meisten anderen zurückschrecken würden. Ein ganz besonderer Schlag von Menschen, die oft auf ihnen unbekannten Wegen unterwegs sind und immer bis ans Limit ihrer Kräfte gehen. Aber selbst hier kommen Kaffeestops, leckeres Essen, eine verdiente Erfrischung und Geselligkeit nicht zu kurz, vielmehr sind sie wichtiger Teil der Fahrten.

Die Audax-Szene ist eine wachsende Nische. Eine Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten und Grenzen auf langen Strecken innerhalb eines Zeitlimits zu testen. Zu gewinnen gibt es nichts und doch gewinnen alle an Spaß und Erfahrung. Jeder kann eine Route planen und von einer Audax-Organisation verifizieren lassen. Lediglich ein paar verpflichtende Kontrollpunkte müssen angefahren werden, bei denen sich die Fahrer ihre Karte abstempeln lassen,um zu beweisen, dass sie auch wirklich dort waren. “Lange Strecke” kann bei einem Audax alles von 100 bis weit über 1000 Kilometer bedeuten. Klingt krass? Wenn du einmal damit anfängst wirst du schnell merken, dass auch du immer mehr wollen wirst.

Komoot Pioneer Eleanor liebt lange Strecken, Herausforderungen und – na klar – Audax-Veranstaltungen. Sie erzählt uns die Geschichte über ihre letzte Herausforderung, die, um es noch ein wenig interessanter zu machen, in der Nacht startete und die Gruppe bis in den nächsten Tag führen sollte.

„Kürzlich hat der begeisterte Randonneur und Audax-Fan Will Pommroy einen 300 Kilometer langen Audax geplant und diesem noch ein extra Highlight hinzugefügt. Die Tour sollte nämlich um 22 Uhr abends an einem kalten Novembertag starten. Ursprünglich erwartete er nur eine handvoll an Fahrern, welche die Tour an seinem Haus in Bristol starten sollten. Als sich aber über 70 tapfere Seelen zum Event angemeldet hatten, musste er seine Organisation und Planung nochmal kurz über- und größer denken.

Kurz nach zehn Uhr abends also machten wir uns auf den Weg. Unser “Disco-Train”, eine lange Doppelreihe an Fahrern mit Dynamo-Lichtern, rot blinkenden Rückleuchten und reflektierender Kleidung, zog von Bristol aus los Richtung Küste.

Der Start in der Nacht hatte einen riesigen Vorteil. Wir hatten die Straßen für uns alleine. Stark befahrene Hauptstraßen, auf die sich tagsüber kein Radfahrer traut, waren nun unsere leere Asphalt-Rennstrecke. Inmitten einer starken Gruppe profitierte ich vom Windschatten und die ersten Kilometer zogen ohne großen Aufwand vorüber. Der erste Kontrollpunkt war das Moonrakers Pub in Devizes, wo sich ein typisches Audax-Bild abzeichnete. Berauschte Einheimische, die auf dem Billiardtisch tanzen, während überforderte Rennradfahrer versuchen, die Stempelstelle zu finden, ohne groß aufzufallen. Wenig erfolgreich in Lycra und großer Anzahl. Ist die Karte erstmal abgestempelt, werden noch ein paar hausgemachte Köstlichkeiten verdrückt und weiter geht’s auf die Straße mit der Aussicht auf den nächsten Kontrollpunkt und Kaffee.

Entlang der Küste von Bournemouth litten die Räder fast ein wenig, als sie Sand und Salz aufnahmen und gar schreckliche Geräusche von sich gaben. Glücklicherweise – ironisch und auch wieder nicht – ließ der Regen nicht lange auf sich warten, um die Räder wieder sauber zu spülen. Am Kontrollpunkt in einer Jagdhütte haben Will und seine Helfer bereits Frühstück und Kaffee für uns vorbereitet. Gewärmt und gestärkt ging es weiter. Leider dauerte es keine 30 Minuten, bis sich mein Magen und meine Beine zankten, wem nun mehr Energie zum “Arbeiten” zustünde. Zu allem Überfluss konvergierte das auch noch mit dem Auf und Ab über die Hügel von Dorset.

Zu diesem Zeitpunkt wurde ich einfach nur müde, fühlte mich ausgelaugt und hoffte auf die bald aufgehende Sonne. Als sich Schwarz in dunkles und dann in helleres Grau verfärbte, wurde mir klar, dass wir heute keine Sonne mehr zu Gesicht bekommen würden. Nun gut, auch wenn wir bereits etwas langsamer unterwegs waren und man uns allen die Kilometer, die hinter uns lagen, ansah, erreichten wir die Tankstelle in Podimore als nächsten Kontrollpunkt. Hier konnten wir uns mit längst überfälligen Kaffee und kalorienhaltigen Snacks stärken. Den Energiehaushalt immer wieder aufzufüllen ist ein wichtiger Teil des Ganzen. Nicht immer gibt es ein Gourmet-Restaurant aber man kann immerhin nach Herzenslust und ohne schlechtes Gewissen alles verdrücken, was man möchte.

Viele der Fahrer spürten die Müdigkeit bereits in ihren Knochen als es weiterging, aber zurück auf den uns bekannten Straßen gab es nochmal einen benötigten letzten Kraftschub nach vorne. Dennoch war der Weg nach Glastonbury sehr anstrengend und die neu geweckten Geister drohten schon wieder zu schwinden. Gerade als wieder Regen einsetzte fuhren wir auf die “Strawberry-Route”, einem Fahrradweg mit Schotter, der uns zum letzten Kontrollpunkt, dem Yatton Station Cafe führen sollte.

Fahrer für Fahrer kam ins Cafe herein und wir warteten auch auf den Letzten, um geschlossen als Gruppe die finalen Kilometer nach Bristol, unserem Ziel, zu bewältigen. Nachdem wir in der Nacht die Straßen ganz für uns gehabt hatten, überforderte uns der laute und schnelle Verkehr zwar ein wenig, aber das Ende war bereits in Sicht. Um die Mittagszeit erreichten wir unser Ziel und Will hatte wieder leckeres Essen für unsere hungrigen Mägen vorbereitet. Was für eine Tour und was für eine Freude nun, da sie vorüber war. Manche Fahrer fanden die Route großartig und das Fahren über Nacht einfach genial, andere stiegen von ihrem Rad und manifestierten sogleich, dass sie nie wieder mit Will sprechen werden. Und genau das beschreibt einen Audax ziemlich gut.”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.